Größtmögliche Anonymität und Sicherheit vor Hackern: Das Darknet bietet Dissidenten Schutz vor staatlicher Verfolgung, ermöglicht aber auch Kriminellen und Terroristen, ihren schmutzigen Geschäften nachzugehen

Die Ermittler prüfen, ob sich der Irre von Halle Waffen, Munition und Sprengstoff mithilfe des Internets verschafft hat. Die Bundesregierung will die Tat zum Vorwand für eine Verschärfung der Netzüberwachung nehmen. Im Fokus steht das sogenannte Darknet.

Von Aloys Krause

Als Konsequenz aus dem Anschlag in Halle sei eine massive Organisationsänderung von Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz nötig – »mit einigen Hundert Leuten, die wir zusätzlich brauchen«, kündigte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) im ›ZDF‹ an. Um auf den Typus des Einzeltäters besser reagieren zu können, sei angeblich eine Ausweitung der Kompetenzen nötig.

Die Sicherheitsbehörden brauchen laut Seehofer die Befugnis, »dass wir auch das Internet überwachen – unter parlamentarischer Kontrolle, mit richterlicher Anordnung, wenn erforderlich«. Anbieter sollten dazu verpflichtet werden, verdächtiges Verhalten zu melden. Den Vorwurf, dadurch Freiheitsrechte einzuschränken, hält Seehofer für unbegründet.

Vorrangig haben die Sicherheitsbehörden die digitale Subkultur, namentlich das sogenannte Darknet, im Visier. Möglicherweise spielt es auch im Zusammenhang mit dem Amoklauf von Halle (2 Tote) eine Rolle. Die Ermittler gehen einstweilen davon aus, dass der Täter Stefan B. (27) sich hier mit Waffen, Munition und Sprengstoff eingedeckt hat.

Schattenseiten der Digitalisierung

Unbestritten ist: Wer im Darknet unterwegs ist, führt oft nichts Gutes im Schilde. Die »Dunkelkammer im Netz« bietet eine weitgehend anonyme Kommunikationsbasis für Islamisten gleichermaßen wie für Neonazis und Kriminelle jeglicher Provenienz.

Im August 2013 gelang es US-Nachrichtendiensten, eine über das Darknet verschlüsselte Konferenz des neuen al-Qaida-Anführers Aiman al-Zawahiri mit den Chefs der regionalen al-Qaida-Ableger abzufangen. Während Osama bin Laden noch auf Boten zur vermeintlich sicheren Kommunikation vertraut hatte, setzen seine Nachfolger bei der Planung von Anschlägen offenbar bereits auf das Darknet. Dortige Infrastrukturen bieten Terrororganisationen vollkommen neue Möglichkeiten der Kommunikation, Finanzierung und Ausrüstung.

Doch nicht nur die Kommunikation von Terrorgruppen hat sich mit dem Darknet verändert. 2016 bot eine Organisation im Gazastreifen erstmalig an, Spenden für den Islamischen Staat (IS) in Form der Kryptowährung Bitcoin zu sammeln, um den Unterstützern der Terroristen maximale Anonymität gewährleisten zu können.

An- und Verkauf für Terroristen

Schließlich lässt sich über das Darknet auch der Handel mit illegalen Waren zur Terrorfinanzierung und -unterstützung abwickeln: Von geraubten Kunstschätzen und geklauten Kreditkarten bis hin zu selbst hergestellten Drogen bieten die Hehler der Terroristen in Darknet-Foren alles an, was sich zu Geld machen lässt. Gleichzeitig finden sich dort Waffenhändler, die Pistolen, Gewehre und Munition liefern – auch nach Deutschland. Wie einfach das geht, zeigt das Beispiel des Amokläufers von München im Jahr 2016: Der Täter hatte die Tatwaffe im Darknet erworben.

Keine Frage: Auch für terroristische Einzeltäter, die sich isoliert über das Internet radikalisiert haben, bieten solche Waffenhändler eine Möglichkeit, in den Besitz von Schusswaffen zu gelangen. Das hat das Gefahrenpotenzial solcher Täter zweifellos deutlich erhöht.

ABER:

Das Darknet ist Segen und Fluch zugleich! Der Deutschland Kurier klärt wichtige Fragen:

► Ist es bereits illegal, wenn ich im Darknet unterwegs bin?

Nein. Wer im Darknet surft, verhält sich entgegen einer weit verbreiteten Meinung nicht per se illegal – solange er keine Straftaten begeht wie etwa illegaler Waffenkauf, Drogen-Ankauf/Verkauf oder das Herunterladen von Kinderpornografie. Das Darknet ist insoweit kein rechtsfreier Raum. Allerdings wird es vielfach und fälschlich auf eine Plattform für Terroristen, eine Schmuddelecke für Pädophile und eine Hehlerplattform für Kriminelle reduziert.

►Was genau ist eigentlich das Darknet?

Das Darknet, auch Dark Web genannt, ist ein Teil des über normale Suchmaschinen wie Google oder Firefox nicht auffindbaren Deep Webs. Die Nutzer können sich hier, wenn sie keine Fehler machen, anonym bewegen. IP-Adressen sind in der Regel nicht verfolgbar. Das garantiert, wenn man es positiv sieht: Anonymität, eine sichere Privatsphäre beim Recherchieren und Surfen und Schutz vor Hackern. Deshalb ist das Darknet ein Segen vor allem für Nutzer in Ländern mit Internetzensur. Viele politische und wissenschaftliche Ressourcen sind ungefiltert verfügbar. Zahlungen und Transaktionen erfolgen über die Digitalwährung Bitcoin anonym.

► Wie komme ich in das Darknet?

Um im Darknet surfen zu können, benötigt man spezielle Tools (Werkzeuge), wie zum Beispiel den »Tor-Browser«. Vor allem dieser Browser ist den Sicherheitsbehörden ein Dorn im Auge. Die Software muss im »normalen« Internet heruntergeladen und ausgeführt werden. Dabei wird die Software nicht im System installiert, sondern nur entpackt und lässt sich als portable Software auf einen USB-Stick übertragen.

►Wie funktioniert das Darknet?

Der dezentrale Aufbau des Darknets ermöglicht ein weitgehend anonymes Surfen im Netz. Sind alle »Vorarbeiten« erledigt, kann man sich nach dem Start des »Tor-Browsers« mit dem Tor-Netzwerk verbinden. »Tor« steht für »The Onion Router«, zu Deutsch »Der Zwiebel-Router«. Um seine Herkunft zu verschleiern, leitet die Tor-Software jedes Datenpaket über verschiedene, zufällig ausgewählte Rechner, bevor es über einen Endknoten ins offene Internet übergeben wird. Insgesamt gibt es mehrere Tausend Knotenpunkte, die weltweit über viele Länder verteilt sind. Die Daten sind verschlüsselt und können auf keinem der beteiligten Tor-Rechner mitgelesen werden. Es handelt sich um eine mehrfache Verschlüsselung nach dem Zwiebelschalenprinzip. Der Nutzer bleibt anonym.

► Wie viele nutzen das Darknet?

Es ist kleiner, als viele glauben: Nur 20.000 bis 60.000 Nutzer weltweit sind täglich in der dunklen Ecke des Internets unterwegs.

► Ist das Darknet wirklich zu 100 Prozent anonym und sicher?

Nein. Wie jedes System im Netz hat auch der Tor-Browser, der in das Darknet führt, seine »Lindenblätter«: Werden ausreichend viele Tor-Knoten überwacht, lassen sich durchaus Rückschlüsse auf den Standort und die Identität der Tor-Nutzer ziehen – und das mittlerweile nicht mehr nur von Geheimdiensten wie der NSA. Außerdem gibt es hier ebenfalls Viren, Trojaner, Spyware und andere Schadsoftware. Eine weitere Gefahr ist der Tor-Nutzer selbst: Denn das anonyme Surfen setzt anonymes Verhalten voraus. Wer anonym surfen will, sich aber gleichzeitig bei einem Dienst wie Facebook mit realen Daten einloggt, verliert seine Anonymität.

► Warum ist das Darknet Segen und Fluch zugleich?

Anonymität auf technologischer Ebene ist im Prinzip eine tolle Sache, wenn sie »für das Gute« genutzt wird. Sie schützt unsere Daten und Privatsphäre vor Hackern, Kriminellen oder auch Geheimdiensten. Falsch eingesetzt aber kann Anonymität auch gravierende Folgen haben. Verschlüsselung kann zum Beispiel Polizei und Sicherheitsbehörden daran hindern, bei illegalen Onlineaktivitäten einzugreifen – wie etwa bei der Vorbereitung von Terroranschlägen, Waffenbeschaffung, Drogen, Kinderpornografie usw.

Netzexperte Stefan Mey (aus Halle) beschäftigt sich seit Jahren mit dem Darknet und hat ein in der Szene viel beachtetes Buch darüber geschrieben. Er sagt: Die Unterscheidung zwischen legal und illegal sei beim Darknet kaum sinnvoll.

Zum einen gebe es die genannten Abgründe; zum anderen aber biete das Darknet politischen Nutzern die Möglichkeit, Informationen zu sammeln und zu verbreiten: »Viele Medien haben Adressen für Whistleblower im Darknet eingerichtet und wahren so die Anonymität ihrer Informanten.« Gesellschaftliche und politische Missstände könnten so aufgedeckt werden. Für Systemkritiker in autoritären Staaten sei das Darknet oft die einzige Chance, sich anonym zu äußern.

► Wie sieht die rechtliche Seite in Deutschland aus?

Der Bundesrat hat einen Gesetzentwurf beschlossen, der härtere Strafen für kriminelle Plattformbetreiber im Darknet vorsieht. Sie sollen auch dann bestraft werden, wenn sie ihre illegalen Leistungen zwar im Ausland anbieten, aber im Inland rechtswidrige Straftaten ermöglichen. Außerdem sollen Strafverfolgungsbehörden von Postdienstleistern Auskünfte über noch nicht zugestellte sowie bereits ausgelieferte Sendungen einholen dürfen.

Kritiker wie Stefan Mey sehen dadurch die Freiheit des Internets gefährdet: »Da steckt doch der Wunsch dahinter, die Anonymität zu kriminalisieren, auch wenn man eigentlich nur die Privatsphäre schützen will.« Zudem sei dies unnötig: »Es gibt keine Strafbarkeitslücke. Es steht und stand nie im Zweifel, dass Betreiber kinderpornografischer Foren belangt werden dürfen. Wenn jemand einen Drogenmarktplatz betreibt, kriegt man den auch problemlos dran. Der Typ, von dem der Amokläufer aus München die Waffe gekauft hat, wurde auch verurteilt. Ich finde, dieser Gesetzesbeschluss zeigt ein sehr problematisches rechtsstaatliches Verständnis. Als die Internettechnologie erdacht wurde, ist keiner auf die Idee gekommen, dass es Probleme mit dem Datensammeln geben könnte. Aber mittlerweile lässt sich im normalen Internet allein schon durch die IP-Adressen leicht nachvollziehen, wer mit wem kommuniziert.«

Und das stört immer mehr Menschen – auch diejenigen, die politisch und keineswegs kriminell im Netz unterwegs sind!